Wo fängt die Heimat an? Und was ist vorher da? Rubrik: Sinnierungen, Studierungen, Panierungen …

Wo fängt die Heimat an? Und was ist vorher da?
Wo fängt die Heimat an? In den Adern, in den Augen?*

Das fragen sich die Querschläger, eine Band aus dem Lungau, die sich in einigen Liedern, stets unter Wahrung der kritischen Eloquenz, die man an ihnen schätzt, mit dem Thema Heimat auseinandersetzt. Ich mache mir schon seit einiger Zeit, genauer, seit ich 2002 mit 15 für ein Jahr nach Amerika gegangen bin, immer wieder Gedanken zu dieser Idee – also, Heimat. Was ist das, wozu braucht man es, kann man es sich schmerzfrei entfernen lassen und so weiter. Manchmal sind es sogar strukturierte Gedanken: im Studium hab ich die spärlich gesäten Kurse zum Thema Kolonialismus und Postkolonialismus in mich aufgesogen und später meine Diplomarbeit über die Wechselbeziehung von geographischer Heimat und Identität geschrieben. Es geht aber auch unstrukturiert, im täglichen Leben. Genau wie die Querschläger stoße ich mit gewisser Freude und Neugierde ständig auf Definitionsschwierigkeiten und die Notwendigkeit, meinen eigenen Heimatbegriff unermüdlich neu zu überdenken. Ich bin überzeugt, Heimat „fängt an“ indem man sie verlässt. Gewissermaßen im Verlassenwerden beginnt die Heimat jedes Einzelnen, sich in ihrer geographischen, kulturellen, ideologischen Eigenheit zu entfalten. Damit meine ich aber nicht notwendigerweise ein Sich-Entfernen im geographischen, kofferpackenden und fortgehenden Sinne. Zu reisen oder in anderen Ländern zu leben ist aber natürlich die aktivste und zuverlässigste Art und Weise, seinem Heimatbegriff und seinem Heimatgefühl auf die Spur zu kommen.

Bei mir war das Rauskommen aus dem, was ich bis dahin als Heimat bezeichnet hätte, der Beginn meiner Beschäftigung mit dieser großen Idee, denn mit dem Entschluss, ein Jahr in einem anderen Land zu leben und dort in die Schule zu gehen, hat sich mein Konzept von Heimat zum ersten Mal vollkommen verändert, in vielerlei Hinsicht. Zum einen erlebte ich, dass Heimat anfänglich gezwungenermaßen „in den Augen der anderen“ sein muss, wenn man sich selber noch zu wenig damit auseinandergesetzt hat. Ich war in den USA vom Sound of Music/Hitler/Lederhosen/Berge Remix der Klischees überfordert und erst einmal gar nicht in der Lage zu kontern.

Am Ende meiner Zeit in Kalifornien sah ich mich dann plötzlich mit einer ganz anderen Tatsache konfrontiert, nämlich der, dass ich jetzt auf einmal zwei Heimaten hatte. Grübelei. Ging das überhaupt? Und wenn ja, dann hieße das doch, dass Heimat vielleicht gar nichts mit verschiedenen Orten, Bräuchen, berühmten Komponisten und solchem Kram zu tun hat. Sonst wäre ich ja entweder zur Hälfte ganz in Kalifornien daheim, zur Hälfte ganz im Waldviertel. Doch ich fand ja, dass diese beiden Hälften sehr gut friedlich in mir vereinbar waren – mich zu der Person machten, die ich eben war.

Je weiter man sich also entfernt von seiner „Heimat“, je mehr man erlebt, je mehr Bücher man liest, je mehr Menschen man trifft, je mehr neue, bunte Ideen man an sich heranlässt und zu debattieren gewillt ist – dafür muss man aus der generellen, geographischen „Heimat“ eben gar nicht notwendigerweise aktiv raus, sondern sich nur ein offenes Herz bewahren – desto bewusster werden einem diese verschiedensten Schichten von Heimat. Das beginnt bei der äußersten, umfassendsten Schicht, quasi all-inclusive. Wir sind Erdlinge. Anders sind vielleicht die Marsmännchen, aber wir sind alle gleich, nicht nur „vor Gott und auch am Klo“, wie der geniale Josef Hader so schön sagt. Viele Konflikte würden sich wahrscheinlich in Wohlgefallen auflösen, wenn wir diese äußerste Bedeutungsschicht von Heimat öfter in den Vordergrund rücken würden.

Nur gibt es eben weiters auch diese mittleren Schichten mit all den Labels, die uns mit vielen anderen Menschen vereinen, aber auch von vielen unterscheiden und für manche Heimat zu etwas machen, das mit Zugehörigkeit zu tun hat. Österreich. Weiß. Deutschsprachig. Auf dem Land. Diese Art der Identifikation wird manchmal als die essentielle Bedeutung des Heimatbegriffes angesehen: genug Wirs, um eine schöne Einheit zu bilden, aber nicht zu viele Wirs, damit man sich auch von „anderen“ abgrenzen kann. Heimat ist nach der mittleren Bedeutungsschicht da, wo die meisten in ähnlichen Bahnen denken, ähnlich aussehen und ähnlich handeln wie man selbst. Mit dieser mittleren Bedeutungsschicht kann ich wenig anfangen. Sich auf diese Bedeutungsschicht zu reduzieren ist manchmal für den einen oder anderen Spaß gut zu gebrauchen, aber genau genommen reicht sie einfach nicht, sie ist zu schwammig, gleichzeitig zu schwarzweiß, zu halbherzig und vor allem viel zu leicht zu missbrauchen.

Zum Glück gibt es noch die inwendigste Schicht, die tiefste, die wir eigentlich mit niemandem so richtig teilen können, vor allem, weil wir es gar nicht in Worten zu tun vermögen. Diese Heimatbedeutungsschicht ist sehr intim und eben auch sehr schwer fassbar, da sie die komplexeste Schicht ist – diejenige, die mir in meinem Fall plötzlich sehr deutlich bewusst wurde, als ich mein Amerika verarbeiten und mir gleichzeitig mein Österreich neu erarbeiten musste und dabei mit einer Zehe schon wieder ganz woanders war. Heimat für mich ist, wenn man sich daran erfreuen kann, ein Kaleidoskop zu sein, ein Fliegenauge, ein Nichtabgebrühter, ein Neugieriger und doch ein Standfester. Heimat ist ein Zuhause in hunderterlei Gefühlen, in Wissen, Erinnerungen, Bildern und, ja, Orten zugleich. Heimat ist gern kommen und auch gern wieder gehen. Heimat ist also in mir selbst. Oder: „Zuhause ist überall“, wie Barbara Coudenhove-Calergi weiß. Hätte ich nur drei Wörter, um meinen Heimatbegriff zu erklären, immer würde ich nur sie zitieren.

*Aus dem Lied Wo fångt de Hoamat ån der Querschläger, zum besseren Verständnis bei der Bevölkerung drüberm Tauern aus dem Lungauerischen frei und überhaupt nicht holprig ins Hochdeutsche übersetzt.

3 Gedanken zu „Wo fängt die Heimat an? Und was ist vorher da? Rubrik: Sinnierungen, Studierungen, Panierungen …

  1. Paleica

    hmm. schöner und nachdenklicher text. ich glaube auch, dass heimat etwas sehr individuelles ist, ich merke aber, wie der begriff mehr und mehr einen sehr unangenehmen touch bekommt, mit dem er in seinem innersten nichts zu tun hat. das ist glaube ich gut für niemanden. ich hätte es nicht so treffend beschreiben können, habe auf einem ganz anderen weg jedoch gefühlt sehr ähnliches für mich entdeckt.

    nur zu heimat ist überall kann ich nicht ganz ja sagen, denn ich war auch schon an wundervollen orten, von denen ich bezweifle, dass sie je das heimatgefühl (das schöne, gute und intime) in mir auslösen könnten. ich würde mich dort immer ein wenig unzugehörig fühlen. heimat ist glaube ich dort, wo man hinpasst. auch das lässt (fast) alles offen.

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