Wort zum Sonntag

Der Weg zum Subaru in der Dunkelheit des Waldes

Wie ich sieben oder acht Jahre alt war, habe ich gelernt, dass ich mich vor der Dunkelheit nicht fürchten muss. Das war schon eine wichtige Erkenntnis. Viele Kinder können sicher nicht von sich behaupten, so etwas eines Tages einfach bemerkt zu haben. Viele Erwachsene wahrscheinlich auch nicht.

Es war an einem warmen Sommerabend, der langsam in eine warme Sommernacht übergegangen ist, von denen es nicht so viele gibt, wo ich herkomme. Deshalb hebt man sie sich in der Erinnerung noch besser auf, als Kostbarkeiten. An solchen Abenden passt alles. Die duftende Grasluft, die Spinnweben, die im letzten Leuchten des Himmels freundlich wabern, das vereinzelte, ferne Brummen der Mopeds, auf denen irgendwelche Dorfburschen unterwegs sind und das über den Wald hergetragen wird, eine wehmütig heimelige Erinnerung daran, dass sich, eingebettet in all das dunkle Grün, hier und dort wieder eine kleine Zivilisation befindet, zwischen frisch gezogenen Heureihen und Granitfindlingen.

Zusammen mit meinem Papa habe ich von einem Hochsitz aus zugeschaut, wie die Sonne hinter den Fichtenwipfeln verschwunden ist. Die Mücken sind immer mehr geworden und uns unter die Hüte gekrochen. Die lästigen Viecher wissen immer, wie sie dorthin kommen, wo es am meisten juckt. Das kann man ihnen aber nicht länger übelnehmen, es gehört zu solchen Abenden so selbstverständlich dazu, wie das verhaltene, freche Fräsen irgendeiner Larve im silbernen Holz des Hochstands, das Rascheln der Unterholzbewohner oder das Gezeter einer Amsel, auf das mein Papa dann ausnahmslos mit erhobenem Finger und gespitzten Ohren reagiert. Vielleicht ein Stück Wild, das gerade den Schutz des Dickichts verlässt und gleich auf die Lichtung zieht.

Bald ist dann die Sonne ganz weg gewesen und der Himmel ein einziges, dunstiges Rosa. Die vielen Vögel, die in der Abenddämmerung immer einen unbeschreiblichen Radau im Wald veranstalten, sind bald verstummt, wie sie es zu tun pflegen, nicht langsam und einer nach dem anderen, sondern alle auf einen Schlag. Schnäbel zu, Brust nicht mehr aufgeplustert und schlafen gegangen. Wer den Schnabel auf dem Hochsitz meistens auch nach Einbruch der Dunkelheit nicht zugemacht hat, bin ich gewesen. Zudem habe ich in die vielen Taschen meiner grünen Wachsjacke immer kleine Stücke Schokolade, Leibnizkekse oder Nüsse eingepackt, die dann, paniert mit den Bröseln von anderem, längst verflossenen Hochstandproviant ausgegraben und verputzt worden sind, was immer mit einer gewissen Lärmentwicklung verbunden gewesen ist.

An dem Abend aber hat mein Papa doch einmal etwas geschossen. Was für ein Tier es war, habe ich längst vergessen. Da es aber einiges gewogen hat und in einem Dickicht gelegen ist, haben wir es alleine nicht aus dem Wald gebracht. Nachdem wir aber gewusst haben, dass ein anderer Förster nicht weit weg ebenfalls auf der Pirsch war, wollten wir ihm an einer Weggabelung, an der er sicher vorbeikommen würde, ein Zeichen zurücklassen und einstweilen langsam versuchen, unser Tier aus dem Wald in Richtung Forstweg zu bekommen. Während mein Papa eine kurze Nachricht auf einen Zettel geschrieben hat, bin ich den Weg zum Auto zurückgeschickt worden, um seinen Bergstecken zu holen, auf dem wir die Nachricht anbringen wollten, um den Stecken dann für bestmögliche Sichtbarkeit in die Mitte der Weggabelung zu rammen.

Der Weg durch den dunklen, flüsternden Wald bis zu unserem alten Subaru war nicht lang. Der Forstweg hat vor mir geleuchtet, wie eine raue Sternenstraße. Trotzdem habe ich kurz überlegt, ob ich vielleicht unauffällig vorschlagen könnte, den Zettel in der Mitte der Kreuzung einfach mit einem Stein zu beschweren, der Herr Förster würde ihn schon finden, immerhin haben alle Jäger gute Augen. Dann aber hat mein Stolz überwogen und ich bin marschiert. Und je näher ich dem Subaru gekommen bin, den vertraut knirschenden Schotter der Forststraße unter meinen Bergschuhen, die Hände in den Bröseltaschen meiner Jacke und meinen kleinen Gucker um den Hals, der bei jedem kühnen Schritt gegen meine Brust geschlagen hat, desto mehr ist mir bewusst geworden, dass die Nacht nichts Furchterregendes an sich hat. Der Wald ist in der Nacht den Menschen genauso freundlich gesinnt, wie an einem frühen Morgen im Nebel, wie an einem warmen, summenden Nachmittag und wie in einer rosagoldenen Dämmerung, wenn er seine Mückenbevölkerung ausatmet. Nur eben mit ein bisschen weniger Licht. Das muss man sich nur merken, dann kann man sich gar nicht mehr sehr fürchten und das bisschen Furcht, das immer bleibt, ist der gesunde Quell unbändiger Lebensenergie, die uns Dinge schaffen lässt, die wir vielleicht gar nicht für möglich gehalten haben.

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