Hurra! Ich bin zu 50% assimiliert!

Das habe ich jetzt frei erfunden, ich bin erstens eher ein Fall für Akkulturation, nicht Assimilierung und zweitens kann ich nicht rechnen.

Fakt ist, ich bin nicht gänzlich verloren außerhalb eines Fichtenwaldes, aber der Alltag erforderte schon im alten Heimatland etwas Konzentration, vom aktuellen Heimatland ganz zu schweigen. Beispiele folgen.

Beispiel Straßenverkehr. Das seit der Kindheit unumstößlich scheinende Mantra von „LINKS RECHTS LINKS“, das man schon beim Fahrradführerschein abgeprüft worden ist, gilt hier plötzlich nicht mehr. Mehrmals täglich nähere ich mich einem Zebrastreifen oder plane eine kühne rechtswidrige Überquerung einer achtspurigen Straße und muss aktiv überlegen, von welcher Seite die verdammten Autos jetzt kommen könnten. Das ist nicht so leicht, besonders für Menschen mit Rechts-Links-Schwäche. Oder man steigt gedankenverloren auf der vermeintlichen Beifahrerseite in ein Auto ein und muss alsbald unter dem Gelächter der Umstehenden erkennen, dass the left side the right side ist.

Oder Beispiel Bargeldzahlungen. Ich persönlich bin wie jede x-beliebige Oma vor mir an der Kasse auch eine zwanghafte Schotterkramerin. Den Barbetrag auf den Cent genau aus dem Börserl zu klauben, das gibt mir nicht nur ein befriedigendes Gefühl tief im Inneren, es ist für mich auch eine dieser letzten Bastionen der Akkulturation, die ich dann erklimme und mich daran erfreue. Oder auch nicht. Beim amerikanischen Dollar hab ich es damals auch nach einem Jahr nicht kapiert gehabt und ich fürchte, diesmal wird es nicht viel schneller gehen. Kleingeld hier ist komplett unlogisch. 50 Cent sind größer als alle anderen Münzen, haben aus unerfindlichem Grund 12 Ecken und bohren sich so gern quer in dein Münzfach. Die Zwei-Dollar-Münze ist kleiner als die Dollarmünze. Dafür hat die Dollarmünze im Rand mehr Stricherl. Ich mein, …!?

Weiteres Beispiel Sprachbarriere. Jetzt habe ich ja Englisch durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Meine Dialekterfahrung reicht vom kalifornischen Kaugummienglisch meiner eigenen sprachlichen Glaubensrichtung, über die zahnlos vorgetragene Einführung in die Grundbegriffe der Rattenjagd eines liebgewonnenen schottischen Farmers, der mir seine rhotischen R entgegenvibrierte und dabei munter ein Schrotgewehr durch die Luft schwang, bis hin zum sympathischen Wackeldackel-Englisch meiner indischen Segwaykundschaft. Aber die Sprachvariante hier hält dem gegenüber mehrere Trümpfe in der Hand. Erstens einmal wird hier nicht konversiert oder sich unterhalten – hier wird ständig gerufen bis gebrüllt. Das meine ich jetzt nicht böse, sondern durchaus liebevoll!  Sogar Radiomoderatoren scheinen mir ständig mit großer Dringlichkeit irgendetwas zuschreien zu müssen. Jeder zweite Satz ist eine Aufforderung zur Feedbackabgabe – d’you know what I mean? Das Ganze nun in diesem permanent steigend intonierten drawl (man möge dies bitte nachschlagen, ich starte da gar keinen Übersetzungsversuch), der einen stets etwas im Ungewissen lässt: ist der Satz nun schon zu Ende? Handelt es sich um eine Frage oder eine Feststellung? Habe ich mein Gegenüber irgendwie beleidigt? Gewürzt mit einer kräftigen Prise Diphthonge, selbige tief in einer Identitätskrise, und einer absolut stiefmütterlichen Behandlung der Phoneme /r/ und /t/. Und ein guter Teil jedes zweiten Wortes ist gänzlich unauffindbar oder durch ein -azza oder einen ähnlichen Diminutiv ersetzt worden. Das ist australisches Englisch.

Und wer jetzt komplett ausgestiegen ist, der versteht wenigstens, wie es mir zeitweise an der Supermarktkasse oder beim Kaffeebestellen geht. Know what I mean?

Ansonsten bin ich aber schon recht fortgeschritten in der Anpassung ans normale Leben. Ich besitze eine Myki Karte, das ist der australische kleine Bruder einer Oyster Card, und fahre ganz lässig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gegend. Ich hab eine australische Handynummer, die ich mir auch gleich unter „ICH“ als neuen Kontakt eingespeichert habe, weil ich sie mir erst in zwei bis drei Jahren auswendig gemerkt haben werde. Ich hab „Hi, how are you?“ und „Have a good day!“ wieder in meine geistige Sammlung der Floskeln und  Phrasen, die man ohne großartige Anstrengung oder Emotion runterrattern kann, aufgenommen und dafür die Wegbeschreibung zu Mozarts Geburtshaus gelöscht. Ich hab eine Postkarte mit dem Kaiser Franz Joseph drauf an den Kühlschrank gepinnt. Oder, Moment, könnte das als Rückschritt gewertet werden? Naa. :)

3 Gedanken zu „Hurra! Ich bin zu 50% assimiliert!

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