Die Müllkinder von Gutenbrunn, oder: Warum ich es nicht so schlimm finde, dass ich im kleinen Einmaleins möglicherweise nicht sattelfest bin

Jüngst beschäftigte ich mich gerade mit dem wöchentlichen Thema des Texts für einen Kurs in kreativem Schreiben, den ich an der LMU belegen darf, als eine E-Mail von Pensionist Werner bei mir eintrudelte.

Es gibt ja so Menschen, die melden sich mit gespenstischer Präzision genau dann bei einem, wenn man gerade in ihre Richtung denkt.

Das Thema war in jener Woche Kindheit. Zum Thema Kindheit fallen mir natürlich haufenweise Geschichten ein: wahre, erfundene, außerdem wahre, die genauso gut erfunden sein könnten und wahrscheinlich erfundene, die möglicherweise aber auch wahr sind.

Ich erzähl von dem einen Mal, als wir im Winter im Auto auf der Tauernautobahn im Stau eingeschneit waren und dann in die leeren Mineralwasserflaschen ge- … vielleicht doch nicht. Besser davon, wie der Opa mir immer die dünnen Halme aus seinen Virginia-Zigarren hinter die Ohren geschoben hat … nein, da kannst du auch nicht mehr als drei Paragraphen rauspressen. Aber jetzt hab ichs, ich schreibe einfach eine Ode an die frühen Neunziger, genau! Die gute alte Zeit, damals, als die Gummiringerl noch aus Holz waren und sowieso und überhaupt alles besser als heute! Naja, obwohl …

Das erste Brainstorming mit mir selbst produzierte also eine ellenlange Liste an rührigen Geschichten, netten Anekdötchen, knochenharten Traumaaufarbeitungstexten und einer erschreckenden Menge an schwülstigen Gedichten mit zu vielen Wiederholungen der Wörter „Wald“ sowie „und“. Natürlich hätte ich mir auch eine wild zusammengereimte Fantasiegeschichte ausdenken können, mit keinerlei persönlichem Bezug. Allerdings gelingt das selten. Im Grunde bin ich der Meinung, dass keine Geschichte, die man erzählt, aufschreibt, sonst wie preisgibt, wirklich unpersönlich ist, genauso wenig, wie man unpersönlich die Straße hinuntergehen oder unpersönlich im Kaffeehaus sitzen kann. Irgendwie ist man ja immer selber mit.

Kurzum, beim Nachdenken über das Thema Kindheit komme ich unweigerlich immer auf die Idee der Prägung zurück. Weniger im verhaltensbiologischen Sinn mit Graugänsen uns so, eher im Hinblick auf Erlebnisse, die, mögen sie noch so banal gewesen sein, einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Oder, in diesem Fall, Volksschullehrer und deren unorthodoxe Vorstellung von Unterrichtsplanung, die uns nachhaltig positiv beeinflusst haben.

Pensionist Werner also. Pensionist Werner ist mein mittlerweile pensionierter, also in Rente gegangener, Volksschullehrer, also Grundschullehrer. (Nachtrag: man muss den Bayern ja immer alles übersetzen.) Eines der Erkennungsmerkmale eines Pensionisten Werner sind die Augenbrauen. Wenn er angestrengt überlegte, zwirbelte er diese Augenbrauen dabei zu fantastischen Formen, die man sonst nur auf der Bart-WM zu sehen bekommt. Als hätte also besagter Pensionist Werner von meinem angestrengten Überlegen zum Thema Kindheit (bei dem ich, wahrscheinlich mangels zwirbelbarer Augenbrauen, wie eingangs erwähnt nur sehr kümmerliche Fortschritte machte) Wind bekommen, klemmte der sich, so stelle ich es mir vor, einer plötzlichen Eingebung folgend hinter seinen Computer und schickte mir eine Mail mit zwei alten Bildern und der Überschrift: „Zur Erinnerung an die Müllkinder von Gutenbrunn“.

Auf dem Bild zu sehen – und, Achtung, jetzt kommt meine Kindheitsgeschichte – sind die anderen Stöpsel aus meiner Volksschulklasse und ich auf der Ladefläche des alten himmelblauen VW unseres Herrn Lehrers, begummistiefelt, jeder ein Paar uns praktisch bis an die Ellbogen reichende Putzhandschuhe an, über beide Ohren grinsend, Haar zerzaust vom Fahrtwind. Zwischen uns die Säcke mit dem Müll, den wir bei unserer Putzkolonnenkinderrunde in Wald und Flur rund um den Ort aufgeklaubt hatten. Diese Aktionen habe ich und haben die anderen bestimmt auch in weitaus magischerer und wohl auch deutlicherer Erinnerung als das kleine Einmaleins oder die Bestandteile von Granit*.

Man muss eben Glück haben.

*Weiß ich aber zufällig auch noch: Feldspat, Quarz und Glimmer. Zum kleinen Einmaleins bitte keine detaillierten Fragen.

Heim.at

Was folgt, ist überhaupt nicht politischer Natur.

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier wieder einmal schriftlich festhalten, wie sehr ich Österreich liebe. Rein von der Gegend her. Vom Apfelstrudel her. Aber auch menschlich. Den ganzen gscherten, gemütlichen, bürokratisch anstrengenden, sturen, patzigen, geschichtsträchtigen, komplexgeladenen, schmähgesegneten, leiwanden Haufen.

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Über Fernbeziehungen der anderen Art

Beim Thema Fernbeziehung ist das Assoziationswort vieler in der ersten Sekunde vielleicht einmal „Schockhorror“. Zudem denkt man da meistens an die Beziehung über verschiedenste Distanzen hinweg von Liebespärchen in den verschiedensten möglichen Kombinationen.

So.

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Warum ich meinen Geschwistern meinen Erfolg verdanke

Photo Credit: weltbeste Fiona. Mit freundlicher Genehmigung.

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Schreibt mir doch letztens meine kleine Schwester, die eigentlich nicht mehr so klein ist, nennen wir sie Hubi, aus ihrer Salzburger Luxusresidenz, wo sie auf ihrer vergoldeten Tastatur tippt und dabei Kaviarlikör aus Einwegkristallgläsern nippt – oder TREML-Punsch, je nach Jahreszeit – ich möge doch einmal genauer erläutern, warum ich meinen Geschwistern meinen Erfolg verdanke.

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Montagsblues?

Am liebsten würd ich behaupten, es gibt kaum etwas, das ich wirklich nicht leiden kann. Zumindest sehe ich mich selbst gern als eine sehr offene Kreatur. Rosinen sind super, weiße Schokolade muss ich ja nicht essen, mit überdurchschnittlich großen Spinnen hab ich mich ein bisschen angefreundet und über den Rest kann man entweder spotten oder ihn mit Würde ignorieren. Weiterlesen

Simultan

Vor ein paar Jahren hab ich vom üblichen Verdächtigen den Bachmann-Erzählband Simultan geschenkt bekommen. Die Titelgeschichte hat mich in ihrer Sprache schon damals unheimlich fasziniert, wie auch der Beruf des Simultandolmetschers. Könnt ich nie. Ich bin schon mit mancher Übersetzung überfordert. Oder mit dem mehrsprachigen daily life. Aber dichten kann ich drüber trotzdem. Grad deswegen. Willkommen to the contents of my Sprachzentrum.

 

(4) wernicke-zentrum und broca-areal

i am reborn sekündlich rolling

off this tongue or that

ecstatically attempting to harness irgendetwas, das

mir voran durch roggenfelder prescht

sneeze, gesundheit, and trip over the

meanings meanings, magische meanings

my words brain my brain words my brain —

gently one minute, mit brachialgewalt the next

melting

messy multitudes into chaotische kosmen

grinsend all the way

I Have a Dream. Endloser Frühling.

Bestimmt hatte der eine oder andere schon so eine leise Ahnung. Ich bestätige: bin kein Wintertyp. Auch kein Herbsttyp, auch wenn mir nichts ferner liegt, als eine arme Jahreszeit vor den Kopf zu stoßen. Milliarden Jahre kosmischer Entwicklung, zig Eiszeiten, das Ölzeitalter und zweimal GW Bush hinter einen gebracht, nur damit einen dann so ein Wimpernschlag von Existenz beleidigt? Würd ich als Jahreszeit auch nicht wollen.

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